Die Elektronikindustrie ist geprägt von hohem Innovationstempo, kurzen Produktzyklen und komplexen Lieferketten. Für viele Unternehmen stellt sich daher eine entscheidende Frage: Soll die EMS-Anbieter oder Leiterplattenbestückung selbst durchgeführt werden oder ist die Auslagerung an einen spezialisierten EMS-Anbieter (Electronic Manufacturing Services) der bessere Weg? Diese Wahl hat langfristige Auswirkungen auf Kosten, Qualität, Lieferzeiten und die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Dieser Artikel beleuchtet die beiden Optionen detailliert, zeigt Vor- und Nachteile auf und gibt Orientierung für eine fundierte Entscheidung im Jahr 2026.
Was bedeutet EMS-Anbieter?
Ein EMS-Anbieter ist ein Dienstleister, der die komplette oder teilweise Fertigung elektronischer Baugruppen für andere Unternehmen übernimmt. Der Service reicht weit über die reine Leiterplattenbestückung hinaus und umfasst typischerweise:
- Beschaffung von Bauteilen und Materialien
- Prototypen- und Kleinserienfertigung
- Serienbestückung und Montage
- Umfangreiche Prüf- und Testverfahren
- Systemmontage, Verpackung und Logistik
- Oft auch Reparatur- und Lifecycle-Management
Viele Anbieter haben ihr Angebot zu E²MS (Electronic Engineering & Manufacturing Services) ausgebaut und unterstützen zusätzlich bei der Produktentwicklung, Layout-Optimierung oder Zertifizierungsprozessen.
In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es etwa 650 EMS-Unternehmen unterschiedlicher Größe. Während große Player wie Zollner Elektronik, Katek SE oder Neways internationale Konzerne bedienen, überzeugen mittelständische Anbieter durch Nähe zum Kunden, hohe Flexibilität und persönliche Betreuung. Besonders geschätzt wird die Qualität und Zuverlässigkeit „Made in Germany“ oder „Made in Europe“.
Der Prozess der Leiterplattenbestückung
Die Leiterplattenbestückung (PCB Assembly) ist der zentrale Schritt, in dem elektronische Bauelemente auf einer Leiterplatte befestigt und elektrisch verbunden werden. Die gängigen Technologien sind:
- SMD-Bestückung (Surface Mounted Device):
Die Standardmethode für moderne Elektronik. Der vollautomatisierte Ablauf besteht aus Lötpastenauftrag, präzisem Platzieren der Bauteile durch Hochgeschwindigkeitsautomaten und Löten im Reflow-Ofen. Sie ermöglicht hohe Packungsdichten und ist ideal für Miniaturisierung. - THT-Bestückung (Through Hole Technology):
Bauteile werden durch Bohrungen geführt und meist per Wellen- oder Selektivlöten verbunden. Diese Technik bietet hohe mechanische Stabilität und wird in anspruchsvollen Umgebungen eingesetzt. - Hybride Bestückung:
Kombination beider Verfahren auf einer Platte – häufig bei komplexen Baugruppen notwendig.
Ergänzende Prozesse wie BGA-Reparatur, Press-Fit-Technik oder Verguss und Lackierung schützen vor Umwelteinflüssen. Moderne Qualitätssicherung umfasst automatisierte optische Inspektion (AOI), 3D-AOI, Röntgenprüfung (AXI), elektrische Tests (ICT/Flying Probe) sowie Funktionstests. So werden Fehlerquoten im Bereich weniger Parts per Million erreicht.
Outsourcing vs. Eigenfertigung: Vor- und Nachteile
Vorteile der Zusammenarbeit mit einem EMS-Anbieter
- Kosteneffizienz: Keine hohen Investitionen in Maschinenparks, Reinräume, Software und Personal. Eine moderne SMD-Linie kostet schnell mehrere Millionen Euro. EMS-Anbieter nutzen Skaleneffekte und günstigere Einkaufskonditionen.
- Hohe Flexibilität: Schnelle Anpassung an wechselnde Stückzahlen – von Prototypen in wenigen Tagen bis zu Großserien. Ideal bei saisonalen Schwankungen oder neuen Produktlaunches.
- Technologievorsprung: Zugang zu neuesten Anlagen und Prozessen (z. B. für 0201-Bauteile, HDI-Platinen oder Hochfrequenzanwendungen) ohne eigenes Abschreibungsrisiko.
- Risikominimierung: Der EMS-Partner managt Lieferketten, Bauteilverfügbarkeit, Obsoleszenz und gesetzliche Anforderungen.
- Strategischer Fokus: Das eigene Unternehmen kann sich voll auf Entwicklung, Design, Marketing und Vertrieb konzentrieren.
Nachteile des Outsourcings
- Abhängigkeit von einem externen Partner – kann durch Zweitquellen und klare Verträge reduziert werden.
- Potenzielle Weitergabe sensibler Daten – durch NDAs und sorgfältige Partnerauswahl vermeidbar.
- Bei sehr hohen, absolut stabilen Stückzahlen können die variablen Kosten etwas höher ausfallen.
Vorteile der Eigenfertigung
- Vollständige Kontrolle über alle Prozesse und Daten.
- Langfristig niedrigere Stückkosten bei extrem hohen und konstanten Volumen.
- Direkte, schnelle Anpassungen ohne Abstimmungsaufwand.
Nachteile der Eigenfertigung
- Hohe Kapitalbindung und Fixkosten.
- Fachkräftemangel in der Fertigungstechnik.
- Schnelle Technologieveralterung erfordert laufende Investitionen.
- Geringe Auslastung bei schwankenden Aufträgen führt zu hohen Stillstandskosten.
Aktuelle Trends in der Branche 2026
Die Elektronikfertigung steht vor tiefgreifenden Veränderungen:
- Digitalisierung und Industrie 4.0: KI-gestützte Prozesssteuerung, predictive Maintenance und vollständige Rückverfolgbarkeit.
- Nachhaltigkeit: Strengere EU-Vorschriften fördern bleifreie Prozesse, Recycling und CO₂-neutrale Produktion.
- Reshoring und regionale Ketten: Viele Unternehmen bringen Fertigung zurück nach Europa, um Risiken zu minimieren und Lieferzeiten zu verkürzen.
- Miniaturisierung und neue Materialien: Immer kleinere Bauteile, flexible Platinen und innovative Substrate.
- Wachstumsmärkte: E-Mobilität, Medizintechnik, erneuerbare Energien, IoT und KI-Anwendungen treiben die Nachfrage.
Nach einem schwierigen 2025 mit teilweise rückläufigen Umsätzen erwarten Branchenverbände für 2026 wieder ein Wachstum von 5–10 % im EMS-Bereich.
Für wen ist welche Variante geeignet?
- Eigenfertigung empfiehlt sich, wenn:
- Stückzahlen dauerhaft im Millionenbereich liegen
- Höchste Geheimhaltung oder proprietäre Prozesse erforderlich sind
- Die Fertigung als strategische Kernkompetenz gilt
- EMS-Outsourcing ist in den meisten Fällen vorzuziehen, besonders für:
- Startups und Wachstumsunternehmen
- Mittelständler mit schwankenden Aufträgen
- Produkte mit mittlerer bis hoher Komplexität
- Branchen mit strengen Zertifizierungen (Medizin, Automotive, Aerospace)
Fazit: Die richtige Strategie wählen
Die Entscheidung zwischen EMS-Anbieter und eigener Leiterplattenbestückung sollte immer auf einer gründlichen Analyse von Stückzahlen, Produktkomplexität, verfügbaren Ressourcen und langfristigen Zielen basieren. Für die überwiegende Mehrheit der Unternehmen – vor allem im Mittelstand – bietet das Outsourcing an einen professionellen EMS-Partner deutliche Vorteile: mehr Agilität, geringere Risiken, schnellere Markteinführung und bessere Kostenkontrolle.
Tipp zur Partnerwahl: Nutzen Sie Vergleichsportale wie ems-scout.de oder halbleiter-scout.de, fordern Sie Referenzen und Zertifizierungen an und führen Sie gerne ein Audit durch. Ein guter EMS-Partner wird zum echten strategischen Vorteil und trägt maßgeblich zum Unternehmenserfolg in einer immer anspruchsvolleren Elektronikwelt bei.